Blog Image

Freiraum Blog

Zeit des Erkennens – Teil 1

Alkohol und Sucht Posted on 08 Apr, 2018 11:55:58

Der Moment der Erkenntnis, dass mein damaliger Partner vielleicht ein Alkoholproblem haben könnte, ist in meine Erinnerung gebrannt – wie auch die folgenden Wochen und Monate.

Wir führten eine Fernbeziehung und telefonierten fast jeden Abend. Oft nur kurz, oft seinerseits, weil er so müde war, dass er manches Wort kaum noch gerade über die Lippen bekam, später meinerseits, weil ich auf diese komischen Telefonate keine Lust hatte. Wenn ich ihn fragte, ob er was getrunken hätte (ich hatte ja keine Ahnung von seinem Problem und fragte dies vollkommen unbedarft), kam immer: “nee, ich bin so müde, weil ich so schlecht geschlafen hab.” Da er in Schicht arbeitete, war es für mich nicht ungewöhnlich.

Manchmal verbrachte er die Wochenenden bei mir, obwohl ich beruflich unterwegs war und meine Tochter wies mich darauf hin, dass er ab und an schon am nachmittag Alkohol trinken würde. Natürlich entschuldigte ich das mit Begründungen wie: “Er war bestimmt nur traurig, dass ich nicht da war.” etc. Auch, als er den gesamten Sektvorrat austrank an einem solchen “Allein-Wochenende” wusste ich Begründungen dafür gegenüber meiner erwachsenen Tochter, die nebenan wohnte.

Dann zog er zu mir. Es war eine aufregende Zeit, ich war gerade dabei, mich selbständig zu machen, er begann seinen neuen Job. Es blieb wenig Zeit füreinander.
Und doch schrillten meine Alarmglocken das erste Mal bereits nach 3 Wochen. Er hatte bereits Alkohol getrunken, bevor ich daheim war – und es war kein Bier! Das konnte ich riechen. Als ich ihn zur Rede stellte, entschuldigte er es mit dem Stress auf der neuen Arbeit. Ich bat ihn, doch mit mir zu reden, statt zu trinken, denn ich hatte im Laufe meines Lebens einige Menschen kennen gelernt, die den Alkohol nicht ÜBERLEBT hatten.
Er versicherte mir, dass das nicht wieder vor käme.

Keine 4 Wochen später stellte sich heraus, dass er sich nicht daran hielt. Zwar hatte ich in diesen 4 Wochen immer mal das Gefühl, er hätte doch was getrunken, da er wieder solch Wortfindungsstörungen hatte und lallte, wie er es zu Beginn unserer Beziehung bereits am Telefon immer mal hatte, aber ich konnte weder etwas riechen, noch sehen. (an leeren Flaschen im Glasmüll z.B.). An diesem Tag jedoch pokerte ich – es gab einen Notfall mit der Katze meiner Tochter, wir mussten in die Tierklinik und er sollte fahren. Er weigerte sich vehement, bis er zugeben musste, dass er getrunken hatte und nicht fahren könne. Ich versicherte ihm, dass wir darüber reden, wenn wir zurück sind, jetzt aber erst einmal die Katze dran wäre.

Auch dieses folgende Gespräch blieb fruchtlos. Seine Begründung dieses Mal: Er vermisse seinen Sohn so sehr, der in der Heimat geblieben war und den er nun nicht mehr sehen würde.
Ich konnte es verstehen – augenscheinlich – und hatte wirklich noch die Hoffnung, dass sich alles lösen lässt und er wirklich nur aus Kummer was getrunken hat. Warum? Weil ich nicht glauben wollte, dass er Alkoholiker ist.
Was er mit diesem Verhalten schaffte, war, mein Mitleid zu wecken, mich um ihn zu kümmern, und zu suchen – nach dem Alkohol, den er offensichtlich ja konsumierte, ohne, dass er irgendwo “rumstehen” würde.
Ich organisierte einen Besuch bei uns von seinem Sohn und seinem besten Freund. Er freute sich riesig – und ich dachte, nun wird alles gut. Allerdings klärte ich seinen besten Freund über die vermutliche Alkoholsucht auf, als der mir erzählte, dass die böse Expartnerin ja immer gemeckert hätte, wenn sie mal ein Bier getrunken hätten. Genutzt hat es nichts – auch dieser beste Freund war machtlos.

Ein paar Tage ging es augenscheinlich gut.
Jedoch wusste ich, als ich eine Jägermeister – Verpackung beim Spaziergang mit den Hunden fand, dass er es dort hingeworfen hatte, als er einen Tag zuvor mit den Hunden gegangen war.

In seinem Kleiderschrank fand ich die andere Hälfte zu der Verpackung.

Und mir wurde klar: DAS ist ein ECHTES Problem, was nicht mal eben zu lösen ist. Wenn er nicht mit daran arbeitet, wird es nichts.

Dennoch war ich vorerst in die Falle der Co-Abhängigkeit getappt:

Coabhängigkeit heißt in diesem Falle, dass man nicht zwingend mittrinkt, sondern dass man sucht – nach Entschuldigungen, Erklärungen, Hilfestellen, verstecktem Alkohol…

Der Alkohol bestimmt den eigenen Alltag über alle Maßen.

Und man vertraut sich niemandem an, weil man sich so unendlich schämt.
Weil man es nicht vorher erkannt hat und erst gar nicht diese Beziehung eingegangen wäre, weil man vielleicht mit schuldig ist, weil es peinlich ist, wenn der Partner ständig durch Alkohol beeinträchtigt ist, weil es keine glückliche Beziehung ist und man zu scheitern droht… usw. usf.

Dieses Erkennen und die damit verbundene Hilflosigkeit haut einem erst einmal die Füße weg.

Und man versucht alles, um doch noch eine milde Lösung zu eruieren.
Da er damals letztlich die nächste Begründung für sein Trinkverhalten präsentierte – die Sehnsucht nach seiner Mutter, die er so unendlich vermisst und die ja auch in seiner Heimat zurück geblieben war – hoffte ich, dass das vielleicht der Schlüssel sein könne. Und die Mutter zog zu uns.

Was ich nicht wusste: sie wusste es seit Jahren, dass er trinkt. Und sie animierte ihn sogar noch dazu.

Und “nebenbei” musste ich meine Geschäft, meine Selbständigkeit, zum Laufen kriegen.

Fortsetzung folgt…



Hilfe! Sucht! – sucht Hilfe!

Alkohol und Sucht Posted on 02 Feb, 2018 19:06:40

Die Feststellung, man ist Angehörige/r eines suchtkranken Menschen trifft einen wie ein Donnerschlag.

Als Angehöriger durchläuft man ebenso verschiedene Phasen, wie der Süchtige selbst.

Nachdem man erahnte, suchte, feststellte, diskutierte, bettelte, zu verhindern versuchte und an seine Grenzen geriet, steht man als Angehöriger oft hilflos da und weiß nicht weiter.

Für die Suchtkranken gibt es verschiedene Anlaufstellen und Möglichkeiten, medizinische Betreuung und Beratung etc. und man findet recht schnell Antworten auf die Frage, wo man sich konkret hinwenden kann und Hilfe bekommt. Ambulant oder stationär, physiologisch ebenso wie psychologisch.

Als Angehöriger ist man oftmals – nach dem Schock und der Scham – in der Position, wenig Hilfsmöglichkeiten geboten zu bekommen.
In den letzten Jahren hat sich hier ein wenig getan, es bilden sich Selbsthilfegruppen bei den Guttemplern und beim DRK sowie weiteren sozialen Einrichtungen.
Es fehlt jedoch an der individuellen Unterstützung für die, die ihre Geschichte nicht zwingend innerhalb einer Gruppe oder eines größeren Kreises erzählen möchten und die die Zuwendung und vor Allem die Lösungsfindung benötigen, die in einem vis-a-vis – Gespräch erarbeitet werden können.

Hier setzt mein Projekt im Freiraum – neben allen anderen Themen – an.

Und dazu gibt es zukünftig hier einige weiterführende Tipps und Erzählungen, um den Weg für all die zu ebnen, die Angehörige eines Suchtkranken sind und den Bogenschlag in meinen Freiraum finden möchten.

Wer könnte besser agieren, als jemand, der selbst die Erfahrung als Angehöriger eines Suchtkranken machte?

Ich selbst war Angehörige eines alkoholabhängigen Mannes in der akuten Phase – in welcher er selbst noch lange nicht eingestehen konnte – sich oder anderen – dass er alkoholabhängig ist.
Der Weg, vorbei an der Co-Abhängigkeit (die nichts damit zu tun hat, dass man selbst trinken würde), vorbei an der Scham, an dem Schock, an der Angst und an der Wut, war nicht leicht und nicht folgenlos. Ich bin ihn gegangen und durfte mein verlorenes Lachen wieder finden, mein Glück und meine Liebe.
Aus dieser Erfahrung und aus all den speziell erlernten Segmenten der psychologischen und systemischen Beratung schöpfe ich die Mittel, um Hilfe und Unterstützung zu sein für die, die sie nutzen möchten.

www.beratungspraxis-freiraum.de